Begegnung mit Fata

Du heißt wie sie. Ihr habt denselben Namen. Du heißt Fata und sie heißt Fata. Sie ist aus dem Roman „Die Brücke über die Drina“. Du bist leibhaftig aus Wischegrad. „An ihrem Namen entzündet sich die Fantasie, an ihn verschwenden die Männer ihre Begeisterung, und mit ihm verbindet sich der Neid der Frauen.“ An dir entzündet sich meine. „Wie klug bist du, wie schön bist du“ singt man von ihr. Auch du bist schön. An dich verschwende ich was weiß ich. Wir können uns kaum unterhalten. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache. Der Roman kommt mir gerade recht: Der Sonnenuntergang, der in den Fenstern glüht. Und wie eins nach dem anderen erlischt und das letzte rot leuchtet, obwohl der Himmel dunkel geworden ist. Auch du würdest das schön finden. Schön finden! Was das bedeutet? Dich schön finden zum Beispiel! Männer versuchen, sie „mit billigen Schmeicheleien und kühnen Scherzen zu gewinnen und zu verwirren“. Und ich dich damit. Ja, du schüttelst deinen Kopf - aber so, als hättest du mich akustisch nicht verstanden.
„Die Brücke über die Drina.“ - Dass sie nach ihren Brüdern, die bereits Familien gegründet haben, ins heiratsfähige Alter kommt, ist Grund genug, dass man von ihr spricht. Man fragt sich, wann und wer es sein wird. Dass du hierhergekommen bist, mit all den anderen ist Grund genug, dass man über euch spricht. Man fragt sich, wann ihr gehen werdet.
Als einer ihr sagt, dass er sich wünscht, dass sein Vater Schwiegertochter zu ihr sagen, dass „dieses Wunder eines Tages geschehen“ könne und sie mit „einer stolzen Wendung des Körpers“ reagiert und erwidert, dass dieses Wunder geschehe, wenn der Berg, auf dem sie über der Stadt und den umliegenden Dörfern wohnt, sich zu seinem Ort am Fluss herabgelassen habe, sagt man von ihr, das sie nicht nur schön, sondern auch schlagfertig ist. Man kann auch von dir sagen, dass du schlagfertig bist. Sie kichert, weil ihr klar wird, wie sie verstanden werden kann: Sie als Jüngste der vermeintlich Hochmütigen vom Berg über der Stadt, über umliegenden Orten, sie aus dem Haus, das in der Abendsonne mit den schwarzen schimmernden Dachpfannen und dem weißen Putz wie frisch gestrichen glänzt, hat nach allgemeiner Auffassung keinen Grund ihn abzuweisen. Nach allgemeiner Auffassung hast du keinen Grund hierherzukommen.



Leseprobe, zunächst bis hierhin



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